„Der Augenblick ist jenes Zweideutige darin Zeit und Ewigkeit einander berühren.“

Soren Kierkegaard

Jetzt aber?
Was eigentlich? Und wie genau?
Es muss wieder ernst werden mit unseren Angelegenheiten.
Wir müssen wieder brennen für unsere Anliegen.
Die Welt steht Kopf und wir müssen uns positionieren.
Tausende Menschen suchen unseren Schutz, unsere Hilfe, wollen sich hier niederlassen, ein neues Leben beginnen, ihre Familien auch noch zu uns holen, mit oder bei uns leben und von uns lernen, so wie wir von ihnen lernen können und sollen.
Wir brauchen Sprachen, um zu verstehen, um zu denken, um unsere Konzepte zu diskutieren.
Wir brauchen Wohlwollen, Verständnis, Ausdauer, Kraft, Mut, natürlich brauchen wir auch Grenzen, natürlich muss es Grenzen geben, aber wir brauchen keine Hauruck-Aktionen in Zeiten wie diesen, in unsicheren, unklaren, hochkomplexen Zeiten.

„Der therapeutische Raum
ist wahrhaft bestimmt von Kom-plexität und wir können sie weder mit einfachem
Kausaldenken noch durch mehr Regeln oder Verleugnen bewältigen.“

Ebba Schmitz-Hübsch

Wir sind extrem herausgefordert uns auszutauschen, miteinander zu denken, Pläne zu schmieden, uns Methoden auszudenken, die hilfreich sind, heilsam.
JETZT ABER: gilt es womöglich, alte Regeln in Frage zu stellen, sich neuen Ufern zuzuwenden, Tacheles zu reden, sich kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, neu durchzustarten.
JETZT ABER: vielleicht endlich den Mund aufmachen, ernsthaft diskutieren, Fakten überprüfen, weitsichtig und hellhörig sein.
Ein Feuer wieder entfachen, ein Feuer, das wärmt, das Mut macht, in dem alte, vielleicht unbrauchbare Kisten verbrennen dürfen.
Sich dann die Asche aufs Haupt streuen, wieder klein werden und demütig, dankbar für unsere kleine, heile, wunderbare Welt, bescheiden.
Ein Wechselspiel von Aufbäumen und Niederknien, von Lärm und Stille, die Balance finden, wieder zu Kräften kommen, gemeinsam stark sein, oder alleine sein Süppchen kochen?

„Die Zukunft der Medizin
als Heilkunst liegt in der
Reaktivierung der Künste“

James Hillman

Besonders Kunst und Kreativität ermöglichen uns, einen subjektiven Standpunkt einzunehmen.
Eine ästhetische Grundhaltung bedeutet das Wahrnehmen dessen, was ist, was ich spüre, was mir vorkommt, was ich denke.
Ästhetik hat mehr mit Wahrnehmung zu tun, weniger mit Schönheit.
Kreativer, leibhaftiger Ausdruck erfolgt unzensiert, unreflektiert, vorerst.
Unser Körper als Wahrnehmungsorgan, unsere Leiblichkeit, unser leibhaftig in der Welt Sein ermöglichen das Wahrnehmen mit allen Sinnen.
Expressive Leiblichkeit meint den Ausdruck des Wahrgenommenen, durch Sprache, Bewegung, Malerei, Musik.

„Eine moderne (integrative Musik-)Therapie mit einem modernen ästhetischen Ansatz auf der Basis des Konzeptes der Leiblichkeit hätte die Kraft und die Kompetenz, die Klienten und Klientinnen zu „heilen“, indem diese erstens ermutigt werden, eine Wahrnehmung und ein Gespür für die wirklichen Not-wendigkeiten in Bezug auf das eigene und das fremde Leben zu entwickeln – und das, was die Not wendet, muss nicht primär konsumorientiert sein. Zweitens, indem sie als zutiefst schöpferische Wesen ermutigt werden, diesen Dingen immer wieder eine neue ästhetische Gestalt und damit Realität zu geben, die dann auch jeweils intersubjektiv und kulturell miteinander geteilt werden kann.“

Isabelle Frohne-Hagemann

Als TherapeutInnen haben wir verschiedenste Mittel zur Verfügung, um unseren PatientInnen beizustehen, ihnen unter die Arme zu greifen, ihnen zuzuhören, zuzusehen, sie ernst zu nehmen, sie zu begleiten. Mit ihnen gemeinsam zu werken.
Heilung im 21. Jahrhundert kann nicht verzichten auf verbale und nonverbale Sprache, auf intersubjektive Resonanz, auf künstlerische und leibhaftige, körperbetonte Zugänge.
Unsere Heilkunst braucht vermehrt kreative Medien, körperorientierte Zugänge, Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten für subjektives Leid, damit die Geschichten der einzelnen Personen zum Klingen kommen und gehört werden können.
Nur ein bio-psycho-sozio-öko-spirituelles Modell von Gesundheiten und Krankheiten und die Zusammenschau der dabei wichtigen Parameter eröffnen uns die Möglichkeiten von Diagnostik und Therapie in unseren PatientInnenkontakten.

„Ich argumentiere, dass der Leib Quelle, Ausdruck und Spiegel der Gesellschaft ist.“

Barbara Duden

„Leib oder Leben“ stellt nun im 24. Jahr wieder unterschiedlichste Methoden und Theorien zur Verfügung, um unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zu erweitern und zu schärfen.
In den Themen unserer Kleingruppen und Plenarveranstaltungen versuchen wir uns, unsere PatientInnen und die verschiedenen Welten unseres Seins ernst zu nehmen, die vielen Fragen gemeinsam und mutig zu stellen und uns zu positionieren in unseren je unterschiedlichsten Kontexten.

Also:
JETZT ABER wirklich!
Aufstehen, weitermachen, zupacken, freudig, kraftvoll, sinnlich, mutig, gemeinsam.

Monika Glawischnig-Goschnik