HIMMEL HÖLLE HORIZONTE
Ein dreijähriges Kind wird von seiner schwangeren Mutter getrennt und soll gemeinsam mit seinem Vater abgeschoben werden, die Mutter bekommt durch die Belastung frühzeitige Wehen und es steht die Sorge im Raum, dass sie das das Ungeborene verlieren könnte.
Ein Mitarbeiter eines großen Betriebes erleidet eine schwere Verletzung der Finger seiner rechten Hand, wird mehrmals operiert und nach einjährigem Krankenstand gekündigt. Er versteht die Welt nicht mehr, war sein ganzes Leben nie krank gewesen, hatte immer fleißig und hart gearbeitet, zwei Jahre wären es noch bis zur Pension.
Neue gesetzliche Rahmenbedingungen? Schmarotzer werden entfernt?
Eisige Kälte beschreibt der Patient, als er vom Gespräch mit seinem Vorgesetzten erzählt. Niemanden habe es interessiert, wie es ihm gehe, wie er zurechtkomme ohne seine Finger, ob er das Leben meistern könne, unter diesen Umständen.
Eisige Kälte, kein Mitgefühl, keine Empathie, kein Interesse, Höllenqualen seien das, dieses Nicht- Angeschaut- Werden, dieses Nicht-Nachfragen, dieses Desinteresse, das ihm entgegenschlägt.
So klingen die Geschichten unserer täglichen therapeutischen Arbeit.

Vor diesem Hintergrund feiern wir das 25- jährige Bestehen unserer wunderbaren Veranstaltung.
„Leib oder Leben“ nannten unsere Gründerväter diese Tagung, die seit 1995 jährlich im Frühjahr stattfindet mit den so poetischen Titeln „Gegenwindschmecken“, „Spuren der Liebe“, „Begreifen. Berühren. Übergänge.“, „Jetzt aber“ oder „Jetzt Glück üben“.

Haben wir das in Gleichenberg gelernt? Das Glück-Üben? Mit dem Gegenwind umzugehen? Die Spuren der Liebe zu erkennen?  Mut zu fassen? Schwerkraft und Leichtsinn zu spüren und uns damit auch im „wirklichen Leben“ auseinanderzusetzen?

Leibheimat und Grenzkontrolle hatten wir auch thematisiert. Das war schon 2013. Haben sich die Zeiten verändert? Sind die Themen aufgearbeitet worden? Konnten wir das umsetzen, was wir in Gleichenberg erfahren haben?

Jetzt, nach  25 Jahren: HIMMEL. HÖLLE. HORIZONTE. Als Titel unserer Jubiläums-veranstaltung.

Wir wollen jetzt auch „das Spirituelle“ in den Blick nehmen und überprüfen, ob und wo es in der Therapie einen Platz hat oder haben soll. Viele unserer Methoden berufen sich auf Theorien, die psychotherapeutischen oder medizinischen Schulen nicht eindeutig zuordenbar sind, Welt- und Menschenbilder müssen von uns immer wieder angefragt und diskutiert, Krankheits- und Gesundheitsverständnisse der einzelnen therapeutischen Richtungen geklärt werden.

Also HIMMEL. HÖLLE. HORIZONTE.
Also 25 Jahre Leib oder Leben.
Also immer noch und weiterhin die Frage nach den wissenschaftlichen Methoden. Oder den künstlerischen.

Also zum Beispiel: HIMMEL (über Berlin).

Als das Kind Kind war.

„Als das Kind Kind war, ging es mit hängenden Armen, wollte der Bach sei ein Fluß, der Fluß sei ein Strom und die Pfütze ein Meer. Als das Kind Kind war, wußte es nicht daß es ein Kind war…“

Peter Handke/Wim Wenders;
Himmel über Berlin, erste Szene

Himmel über Berlin.
Zwei Engel, Damiel und Cassiel, stehen auf dem Dach der Gedächtniskirche, wiegen sich in den Gedanken und Sorgen der Menschen, versuchen einzugreifen, wenn einer auf Erden verzweifelt. Das Leben der Engel unendlich und im Film in Schwarzweiß gehalten. Die Engel in der Ewigkeit der Gedanken, Nöte und Sorgen der Menschen, nur für die Kinder sichtbar.
Wenn die Engel nicht mehr in der Ewigkeit bleiben wollen, können sie Menschengestalt annehmen. Dann wird das Leben im Film farbig und endlich. Dann gibt es Liebe, Leid und Tod, vielleicht den Himmel auf Erden, immer auch Höllenqualen.

Also dann auch: HÖLLE

„L’enfer c’est les autres“ formulierte es Jean- Paul Sartre. Die Hölle, die anderen? Qualen, die Menschen Menschen zufügen, Folter, Krieg, Tod, Diffamierung, fake news, Shitstorms, die über uns hinwegfegen, oft nicht gleich zuordenbar, psychisches Leid, soziale Ausgrenzung, Verdrehung von Tatsachen.
Homo homini lupus schrieb der Komödiendichter Plautus bereits 200 Jahre vor Christi Geburt.
Vielleicht aber auch Höllenqualen erleiden? Weil wir gesündigt haben? Weil wir verlassen wurden? Weil uns Scham oder Schuld auffressen?

Himmel, Hölle, Verlockung, Bedrohung

„Wie im Himmel“ heißt ein Film, in dem es um einen Chor in einem schwedischen Dorf geht, wo die Menschen zueinanderfinden, singend, schreiend, im gemeinsamen Tun, geleitet von einem verzweifelten Dirigenten, der die Qualen der Berühmtheit erlebt hat und sich in sein Heimatdorf zurückziehen möchte.
Himmelhoch jauchzend.
Zu Tode betrübt.

Und dann: HORIZONTE

Wir feiern das 25 jährige Jubiläum.

Die Gründer von Leib oder Leben hatten damals den Wunsch, den Körper und die Leiblichkeit mehr in die Psychotherapie einzubringen, Methoden vorzustellen, die mehr oder weniger psycho-therapeutisch orientiert waren und immer den Körper und die Leiblichkeit im Blick hatten und haben.
Psychotherapie- und Körpertherapieforschung sind bemüht, die Wirksamkeit dieser Methoden zu belegen, Evidence Based Medicine und Evidence Based Therapy heißen die Zauberworte um in der Medizin ernst- und angenommen und von den Krankenkassen finanziert zu werden.
Leitlinien, Standard Procedures, State of the Art, sind Schlagworte, um die sich auch die leiborientierten Methoden, Theorien und Interventionen kümmern müssen.

„Man muss dabei gewesen sein“ sagt eine Teilnehmerin einer musiktherapeutischen Selbsterfahrungsgruppe. „Das kann man gar nicht beschreiben; Engelsmusik, der gemeinsame Klang, ich weiß gar nicht, wie der entstanden ist, wo die Klänge herkamen, als wir gemeinsam mit unseren Stimmen und Instrumenten improvisiert hatten“.

Licht am Horizont?
Himmel und Höllen kennen wir auch aus den verschiedensten Religionen, Glaubens- und spirituellen Systemen, damit wollen oder sollen wir in der Psychotherapie aber nichts zu tun haben, spirituelle Interventionen sind ausdrücklich verboten und haben in der Therapie nichts verloren.
Nichtsdestotrotz ist das „Spirituelle“ für uns als TherapeutInnen und für unsere PatientInnen und KlientInnen oft eine wichtige Dimension und vor allem in Zeiten von Krankheit und Not sind wir herausgefordert, die Fragen nach dem Sinn des Lebens der uns anvertrauten Menschen ernst zu nehmen und sie auf diesen Wegen zu begleiten. „Dem Unaussprechlichen Resonanz geben“ war der Titel einer Tagung am LKH-Universitätsklinikum Graz, die die spirituelle Dimension im klinischen Alltag beleuchtet hat. „Von Angesicht zu Angesicht“ ist der Titel einer Folgetagung, die sich mit dem Thema auch 2019 wieder beschäftigen wird.

Spiritualität ist die Haltung, in der „ich mich atmen lasse“ formulierte es Johannes Schultz, der Begründer des autogenen Trainings (Frick, Psychosomatische Anthropologie, 2009, S226).
Gemeint ist wohl auch, wie wir mit den großen Fragen des Lebens umgehen wollen, mit dieser unserer Lebendigkeit, die nur begrenzt kontrollierbar und handhabbar ist.

Die Hölle ist dann vielleicht die Kontrolle der letzten Dinge, das Zurechtschneidern menschlicher Fragestellungen auf ein Maß, eine Norm, eine vorgegebene, definierte Größe, das Normieren der Körper, das Begrenzen der Lebendigkeiten.

Wer bestimmt den Wert eines Menschen?
Wer ist zuständig für den Sinn des Lebens?
Erleichtern uns religiöse oder spirituelle Gemeinschaften das Leben oder muss man sie als „Opium für das Volk“ verstehen? Sowohl Karl Marx im Jahre 1843 als auch die „Toten Hosen“ im Jahre 1996 haben dazu Gedanken und Texte formuliert, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Hat die Psychotherapie die christliche Seelsorge abgelöst? Ergänzt? Verdrängt?
Was glauben wir? Was dürfen wir hoffen?

In unserer Jubiläumsveranstaltung wollen wir also auch ganz große Fragen stellen.
Wir wollen über Bewusstsein, Transzendenz und „Glaubensfragen“ nachdenken und diskutieren und überlegen, wie sie in den psycho-,körper- und kreativ- therapeutischen Kontexten verstanden werden.
Die Fragen von Leibhaftigkeit, Intersubjektivität, künstlerischem und kreativem Ausdruck werden uns durch die Woche begleiten.
Auch der Rückschau auf die letzten 25 Jahre wollen wir Raum geben, und wir wollen einen Ausblick auf die nächsten Zeiten wagen.

Wir wollen mit Euch / Ihnen gemeinsam denken, fühlen, singen, tanzen, feiern und lachen.

Auf himmlische Freuden und höllische Zeiten  zurückblicken.
Unsre Horizonte erweitern.
Für die nächsten 25 Jahre Leib oder Leben.

Monika Glawischnig-Goschnik